Susi und die Hütte im Wald

Herbst Kurzgeschichte von A. Disia

Susi war zu spät. Das kleine Mädchen schimpfte mit sich selbst und rannte weiter durch den Regen. Ihr Haar klebte auf ihrer Haut und sie fror jämmerlich. Der Herbstwind hatte die Blätter von den Bäumen gerissen und nun lagen sie nass und glitschig auf dem Weg und machten ihn rutschig. Zweimal stolperte Susi und konnte sich gerade so fangen. Trotzdem rannte sie weiter. Unter den dunklen Wolken war der Himmel rot und kündete von einem baldigen Sonnenuntergang. Mutter würde sie sicher tadeln. Sie war viel zu spät.

Besorgt warf Susi Blicke in den Wald. Nachts erwachten die Kobolde, spielten üble Streiche und lockten Kinder in den tiefen Wald. Vater hatte sie immer davor gewarnt und gesagt: „Komm rasch nach Hause, ehe die Nacht anbricht.“ Aber es hatte so sehr gewindet und gestürmt. Darum Susi hatte gehofft, das Wetter würde wieder besser werden, und gewartet.

Vor Erschöpfung wurde Susi langsamer. Ihr Atem ging schnell und formte kleine Wölkchen vor ihrem Mund. Sie zitterte und wusste, dass sie nicht mehr rechtzeitig nach Hause kommen würde. So schnell sie konnte, ging sie weiter.

Der Weg machte eine scharfe Biegung und plötzlich sah sich Susi einer gewaltigen Holzhütte gegenüber. Sie stutzte und blinzelte kurz. Vor lauter Regen hatte sie wohl eine Abzweigung übersehen. Rauch stieg aus dem Schornstein auf und versprach ein schönes, warmes Feuerchen. Das Mädchen rieb sich die klammen Hände aneinander und lief rasch unter das Hausdach. Dort wischte sie sich den Regen aus dem Gesicht und wrang ihren Mantel aus.

Menschenfressende Trolle und listige Bären, gute und böse Hexen lebten hier im Wald. Das hatte Susi von Vater und Mutter gelernt. Allerdings glaubte sie nicht, dass die Trolle und die bösen Hexen wirklich so schlimm waren, sonst würden ihre Eltern sie schließlich nicht alleine in den Wald lassen. Die Haustür war sicher dreimal so groß wie sie und kurz zögerte Susi. Doch dann räusperte sie sich und klopfte entschlossen an.

Nur einen kurzen Augenblick später wurde die Türe aufgerissen und ein Schwall warmer, nach Kürbis und Kaffee duftender Luft kam Susi entgegen. Ein haariger Troll mit gelben Augen und krummen Zähnen streckte seinen Kopf heraus.

„Wer stört?“, knurrte er und sah sich suchend um. In der Hand hielt er ein Messer, das sicher so lang wie Susis Arm war.

„Hier unten, Herr Troll“, rief Susi und wippte auf ihren Fußballen auf und ab. Das war des erste Troll, den sie sah, und sie beäugte ihn neugierig.

Der Troll senkte langsam seinen Blick und zog verwundert die Augenbrauen zusammen. „Was willst denn du hier?“

„Ich wollte Sie fragen“, begann Susi und musste heftig niesen. „‘Tschuldigung.“ Sie zog die Nase hoch. „Lassen Sie mich rein? Hier draußen ist es so kalt und auch bald Nacht. Bittebitte?“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

Die Augenbrauen des Trolls zogen sich noch weiter zusammen und er warf einen skeptischen Blick über ihren Kopf in den Wald. Dann zuckte er mit den Schultern und trat zur Seite. „Na gut, komm herein“, grummelte er.

Susi hüpfte über die Schwelle und sah sich neugierig um. Das Zimmer war groß, aber durch die gewaltigen Möbel war trotzdem nur wenig Platz. Rechts stand ein hoher Tisch, auf dem mehrere Kürbisse lagen. Zumindest vermutete Susi das, so richtig konnte sie sie nicht sehen. Links war der große Kamin, in dem das Feuer fröhlich knisterte, und direkt daneben hing ein gusseiserner Topf. Susi trat sofort näher an das Feuer, zog ihren Mantel aus und reckte ihre kleinen Finger der Wärme entgegen. Aus dem Topf kam der leicht herbe Duft von Kaffee. Sie seufzte leise, als ihre Haut leicht kribbelte und wieder wärmer wurde.

Der Troll beäugte sie einen Moment lang, dann räusperte er sich. „Möchtest du auch einen Kaffee?“

Erstaunt sah Susi zu ihm hin. „Aber nein, ich bin noch viel zu jung, um Kaffee zu trinken. Aber ich nehme eine heiße Schokolade, wenn Sie so etwas dahaben.“

Der Troll kratzte sich kurz am Kopf, nickte dann und holte etwas aus seinem Schrank. Dann hängte er einen kleinen Topf neben den großen und setzte sich wieder. Neugierig wie sie war, hielt Susi es nicht lange am Feuer. Sie kletterte auf den Stuhl neben dem Troll und beobachtete fasziniert, wie er in einen ausgehölten Kürbis eine Grimasse schnitzte. Sie sah wirklich unheimlich aus. Das Mädchen fragte sich, wofür das wohl gut sein mochte, und schließlich konnte Susi ihre Frage nicht mehr für sich behalten. „Warum machen Sie das?“

Der Troll lachte und zeigte dabei alle seine krummen Zähne. Er war ein tiefes, grummelndes Lachen, das den Tisch unter Susis Händen zum Vibrieren brachte. „Um im Herbst kleine Quälgeister und ungebetene Gäste zu verschrecken. Aber bei dir wird es wohl nicht mehr viel nützen.“ Er zwinkerte ihr zu und Susi musste kichern.

Dann stand der Troll auf und schüttete die heiße Schokolade aus dem kleinen Topf in einen Becher. Susi nahm den Becher dankend entgegen und schloss ihn in ihre kleinen Hände. Dann wartete sie darauf, dass das Getränk etwas abkühlte. Dabei beobachtete sie weiter, wie der Troll den nächsten Kürbis bearbeitete. Die Schokolade war süß und herrlich warm. Je mehr sie trank, desto müder wurde sie.

Einmal dachte Susi noch daran, dass sie auf keinen Fall einschlafen sollte, falls Trolle doch Menschen aßen. Aber dann fielen ihr auch schon die Äuglein zu.

~*~

Susi erwachte in einem riesigen Strohbett und blinzelte verdutzt. Die Morgensonne kitzelte sie und entlockte ihr einen Nieser. Hier hatte sie sich aber nicht schlafen gelegt.

Mit einem lauten Gähnen richtete sie sich auf und krabbelte dann zum Rand des Betts. Sie musste immer noch im Trollhaus sein, dämmerte ihr so langsam, als sie aufstand und zur angelehnten Türe ging. Dahinter lag der bekannte Raum mit dem hohen Tisch und dem Kamin, in dem nur noch die letzte Asche glühte. Draußen hörte sie jemanden Holzhacken und folgte dem Geräusch. Der Troll stand in der Morgensonne und hielt eine große Axt in den Händen, als Susi zu ihm lief. Sie hüstelte verlegen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

„Vielen Dank für die Gastfreundschaft“, sagte sie artig. „Ich muss jetzt schnell nach Hause, damit Vater und Mutter sich keine Sorgen machen.“

Der Troll nickte, griff in den Korb neben sich und reichte ihr einen Apfel. „Dann auf mit dir, kleines Menschenkind.“

Susi nahm den Apfel strahlend entgegen. „Auf Wiedersehen, Herr Troll.“ Dann rannte sie auch schon los wie ein Wirbelwind und erschreckte ein Eichhörnchen, dass gerade seine Nuss vergraben wollte.

~ Ende ~


 

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