Wundbrand: „Denn ich bin des Wirtes Sohn“

Wie bereits angekündigt, gibt es ein Interview mit Mikael Wirt, der Hauptperson in Wundbrand Im Schatten der Feuerblume. Vorweg möchte ich betonen, dass diese Szene nicht Teil des Buches ist. Der Icherzähler bin in dem falle ich – A. Disia. Das Ganze spielt sich in einer Zeit ab, die an das Mittelalter angelehnt ist.

Los geht’s.


Ich saß im Wirtshaus „Am Roten Fluss“, als Mikael Wirt auf mich zutrat. Er fragte, was ich essen und trinken wolle.
Ich winkte ab. Kein Met für mich heute.
Stattdessen deutete ich auf den leeren Stuhl an meinem Tisch.
„Ich bin ein Geschichtensammler und möchte dir einige Fragen stellen.“
Er war misstrauisch. Dennoch setzte er sich zu mir.

„Wie heißt du?“
„Man nennt mich Mikael Wirt. Denn ich bin des Wirtes Sohn.“

„Wo bist du geboren?“
„Hier. In Dunkelfurt.“

„Hast du Geschwister?“
„Ich hatte sechs Geschwister. Vier Brüder und zwei Schwestern: Fritz, Petter, Utz, Jost und Bridlin, Merklin und die kleine Gerlide. Ich war der Dritte. Doch die Winter hier sind hart. Zum heutigen Tage habe ich keine Geschwister mehr.“

„Wie gehst du mit dem Verlust um?“
Er sah weg. „Ich halte mich tapfer, denn ich muss.“

„Mikael, was vermisst du am meisten?“
„Früher gingen wir noch spät abends ein Stück den Fluss hinauf und ließen die Steine springen. Es war ein Wettstreit, den ich selten gewann, und doch war es eine große Freude.“

„Weinst du manchmal, wenn du an deine Geschwister denkst?“
„Vor zwei Wintern weinte ich das letzte Mal. Als die kleine Gerlide starb. Sie hatte gerade ihren ersten Sommer hinter sich gebracht. Ich liebte sie. Wir alle liebten sie. Sie war ein Sonnenschein.“

„Das ist eine lange Zeit.“
„Nun, ich weine nicht mehr. Es schmerzt zu sehr. Jede Bindung schmerzt einmal. Also meide ich Bindungen. So vermeide ich zugleich das Weinen.

„Möchtest du für immer hier bleiben?“
„Dunkelfurt ist meine Heimat. Ich wüsste nicht, was ich in Albland oder Hebreich sollte. Wir liegen zwischen beiden und gehören zu keinem der beiden Länder. Wir sind frei, denn wir sind Grenzdörfler.“

„Wenn du dein Leben lang hier bleibst, wie stellst du dir deinen Lebensabend vor?“
„Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als das Wirtshaus zu übernehmen.“

„Gibt es eine Tätigkeit, die du jeden Tag ausführst?“
„Beten.“

„Also glaubst du an einen Gott?“
„Ich glaube an unsere große Gottheit Mara Taura. Sie hat die Welt erschaffen und behütet sie. Auch uns Menschen behütet sie. Wenn wir recht und ehrenvoll handeln und ihr huldigen.“

„Was glaubst du, wird nach deinem Tod geschehen?“
„Nichts als die Stille ist nach dem Tod. Die große Ruhe, in die Mara Taura uns aufnimmt. Dort finden wir Frieden.“

„Angenommen du fändest drei Mark. Was würdest du damit machen?“
„Welch eine seltsame Frage. Es wäre sicher eine List von Turma Te und ich würde die Münzen nicht anrühren. So viel Glück hat kein Mensch.“

„Wer ist Turma Te?“
„Er prüft uns. Wenn wir ihm verfallen, nimmt Mara Taura uns nicht mehr auf. Folglich müssen wir wachsam sein.“

„Fordert Mara Taura von euch Gesetzestreue?“
„Nein. Um Gesetze schert die Große sich nicht. Sie verlangt nichts weiter, als dass wir ehrenvoll leben.“

„Hast du schon einmal gegen ein Gesetz verstoßen?“
„Ich bin ein Grenzdörfler. Ich verstoße immerzu gegen die Gesetze der großen Reiche.

„Du scheinst nicht viel von den großen Reichen zu halten. Was ist deiner Meinung nach die optimale Staatsform?“
„Es gibt keine optimale Staatsform. Das Einzige, das wahrlich fruchtet, sind solche Dorfschaften, wie wir sie haben. Wir regeln alles selbst, wir verwalten uns selbst. Kein Fremder erlegt uns etwas auf.“

„Was hältst du von der Todesstrafe?“
„Was sollte ich davon halten? Es ist eine Strafe unter vielen. Womöglich ist sie in den großen Reichen nötig. Bei uns ist sie überflüssig.“

„Du scheinst mir nicht sehr tolerant gegenüber den anderen Völkern zu sein.“
„Ich bin recht offen gegenüber den anderen Völkern. Meine Eltern würden mich wohl gerade zu als weltoffen bezeichnen.“

„Wie kämen sie dazu?“
„Ich höre den Fremden, die unser Dorf kommen, zu. Ich frage sie nach ihren Geschichten. Wir Dunkelfurter sind von Natur aus voll Argwohn. Doch ich versuche nicht so misstrauisch zu sein wie der Rest. Mag sein, dass das schlecht ist. Mir ist eine große Neugierde zu eigen. Sie wird immer über mein Misstrauen siegen.“

„Was sagen deine Verwandten und Freunde sonst über dich?“
„Meine Mutter sagt, ich sei einer, der sich an das Leben klammert. Auch ich war krank in dem Winter, in dem Utz starb. Doch ich wurde wieder gesund.
Meine Freunde sagten früher, ich sei zu gutgläubig, weil ich den Reisenden immer ihre Geschichten glaubte. Und doch freuten sie sich stets, wenn ich die Geschichten später nacherzählen konnte.“

„Welches ist deine größte Schwäche?“
„Ich kann schlecht improvisieren. Wenn ich in eine ungewohnte Situation gerate, werde ich leicht panisch und klammere mich an die erste Option, die sich mir bietet. Ich schaffe es in solchen Momenten selten, vorausschauend zu handeln oder mein Tun zu überdenken.“

„Gibt es etwas, dass du niemandem erzählst?“
„Ich lerne schon seit Langem alle Pflanzen im Umkreis von einer halben Tagesreise kennen. Sowohl die Genießbaren als auch die Ungenießbaren. Ich hielt es für wichtig, denn ich wollte Wirt werden. Wie mein Vater. Ich fing damit an, ehe ich begriff, dass eher einer meiner beiden Brüder das Wirtshaus übernehmen würde. Als ich es verstand, war mein Fürwitz schon zu groß und ich wollte mehr wissen.“

„Gab es in deiner Kindheit auch eine andere Profession, die du ergreifen wolltest?“
„Es gab immer nur das Wirtshaus. Dunkelfurt. Allerdings hatte ich bis vor ein paar Jahren noch befürchtet, als Knecht bei einem unserer Bauern zu enden. Schließlich hatte ich zwei ältere Brüder.“

„Fürchtest du den Tod, Mikael Wirt?“
„Meine Angst, zu sterben, ist groß. Was gibt es Schrecklicheres als vor sich hinzusiechen und zu verrecken?

Darauf wusste ich keine Antwort.

Als ich schließlich das Wirtshaus verließ, wusste ich, dass ich bald eine Geschichte zu erzählen hatte.

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